Des Guten zu viel
Andächtig ließ der Uhrmacher seine Finger über die Intarsie gleiten. Zufrieden blickte er auf die hölzernen Blüten und Blätter, die einen üppigen Garten bildeten. Nur die edelsten Hölzer hatte er für das Gehäuse ausgesucht. Einige waren auf Schiffen um die halbe Welt gereist, andere hatte noch sein Vater im heimischen Hain sorgsam großgezogen. Tannen und Obstbäume waren gefallen um für die Ewigkeit gebannt in diesem Bildnis zu neuem Leben erweckt zu werden. In einem Blumenbeet erstrahlte die einst tote Kirsche nun als majestätische Malve. Zwischen ebenhölzernem Blattwerk der Orangerie leuchteten Zitrusfrüchte aus heller Birke. Von der Seite gesellte sich ein Pfau dazu, dem Mahagoni ein prächtiges Federkleid verlieh. Das Ganze war so passgenau gearbeitet und die einzelnen Holzplättchen schmiegten sich so eng aneinander, dass man meinen konnte, es sei nicht gelegt sondern so gewachsen. Beinahe fühlte er sich nicht als Handwerker, sondern als Gärtner.
Er legte ein Ohr an das Kästchen und lauschte dem Ticken im Inneren, als wolle er den Herzschlag prüfen. Unzählige Zahnräder gingen darin ihrem Werk nach. Gut geölt und zur Präzision gefeilt ließen sie die Zeiger beständig über das Ziffernblatt kreisen. Fürwahr, er wollte sich nicht selbst loben, doch dem Uhrmacher war ein Meisterwerk gelungen. So stolz war er seit der Einschulung seiner Tochter nicht mehr gewesen.
Am nächsten Tag brachte er die Uhr, gut gepolstert in eine Kiste verpackt, höchstpersönlich in den Palast. Es war ein Geschenk für den König, anlässlich seines Thronjubiläums. Seine Majestät warf einen kurzen Blick auf die Uhr, dann lächelte er ihn milde an, wie ein Vater, dem sein Kind eine Buntstiftzeichnung bringt. „Prächtig!“, lautete seine Rezension, „Danke, Sie können gehen.“ Und an seinen Adjutanten fügte er hinzu: „Stellen Sie die Uhr ins Gästezimmer zu den anderen.“
